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GLASPERLEN FÜR GRÜNES GOLD

Die ersten Europäer in Afrika bezahlten für Elfenbein und Gold wie auch für Sklaven, das ‚schwarze Gold', mit wertlosen Glasperlen. Industriekonzerne holen sich heute das ‚grüne Gold' des biologischen Reichtums Afrikas durch Patentrechte und zahlen auch nur symbolisch. Missionare in Deutschland machen Lobbyarbeit für ein afrikanisches Patentrecht, das traditionelle Gemeinschaften vor den Patentpiraten schützen soll.

Europäisches Patentamt München am 10. Mai 2000. Der kleinen Gruppe indischer Bauern kommen beim Urteilsspruch des Richters die Tränen in die Augen. Sie haben gerade einen Prozess gegen den amerikanischen Chemiekonzern W.R. Grace und das US Landwirtschaftsministerium gewonnen. Der US Konzern wollte einen Prozess patentieren, um das Öl des Neembaumes zur Bekämpfung von Pilzen zu benutzen. Seit Jahrhunderten wird der Neembaum als Heilmittel benutzt, und die Nutzung zur Pilzbekämpfung war längst bekannt. Der US Konzern hatte versucht, auf das traditionelle Wissen der Inder ein Exklusivrecht zu beanspruchen, um es dann zu vermarkten.

Zwei amerikanische Wissenschafter indischer Herkunft ließen für sich die Heilwirkungen des Tumerik (Gelbwurz), einer bekannten Vielzweckpflanze, patentieren. Indien legte beim Patentamt Widerspruch ein und gewann. Die Heilwirkungen sind nämlich bereits in uralten Sanskrit Schriften dokumentiert.

Noch unverschämter war ein medizinisches Forscherteam des National Institute of Health. Sie entdeckten eine vererbte Resistenz gegen Leukämie bei dem Volk der Hagahai in Papua Neu Guinea. Ohne Wissen der Leute ließen sie Immunzellen dieser Menschen für sich patentieren, um sie für spätere Entwicklungen zu nutzen.

Warum sind die Agenten der großen Konzerne weltweit auf der Jagd nach genetischem Material, dem ‚Grünen Gold'? Es geht um Geld, sehr viel Geld. Die Biowissenschaften versprechen ungeahnte Möglichkeiten, mit neuen Medikamenten und genmanipuliertem Samengut Vermögen zu verdienen. Es geht auch um Macht. Wenn die Entwicklung so weitergeht, werden in Zukunft wenige Agrarkonzerne das genmanipulierte Samengut und somit die Landwirtschaft der Welt unter Kontrolle bekommen.

Was heute geschieht, ist vergleichbar mit der Eroberung Afrikas durch die Kolonialmächte. Damals ging es um Gold und Gummiplantagen, um das weiße Elfenbein der Elefanten und das ‚schwarze Elfenbein', die Sklaven. Heute geht es um die Plünderung der genetischen Ressourcen. An Stelle von Entdeckern von Flüssen und Bergen wandern Wissenschaftler über den Globus auf der Suche nach seltenen Pflanzen und Organismen. Statt Kolonialarmeen mit Karabinern sind es Juristen, die über Gesetze und Paragraphen die biologische Ausbeutung bewerkstelligen. Die Hauptwaffe dabei ist das internationale Patentrecht. Der technische Name dafür ist TRIPS für ‚Trade-Related Aspects of Intellectual Property Rights', ein Abkommen der Welthandelsorganisation zum handelsbezogenen Schutz geistigen Eigentums.

Patentrechte auf Erfindungen sind eigentlich eine alte Sache. Die Grundidee ist, dem Erfinder die exklusive Nutzung seiner Erfindung zu garantieren und so Menschen zu neuen Erfindungen zu motivieren. Solange es tatsächlich eine Erfindung eines kreativen Geistes ist, ist dagegen nichts einzuwenden. Die Patentierung von Leben ist allerdings etwas ganz anderes und ethisch höchst fragwürdig. Kann man, darf man patentieren, was man gar nicht entdeckt hat, sondern was schon da war, was die Natur, was letztlich Gott zum Nutzen aller geschaffen hat? Ist es gerecht, ein Wissen, das andere Völker über Jahrhunderte entdeckt und entwickelt haben, exklusiv für sich in Anspruch zu nehmen - und ohne gerechte Kompensation? Zu Recht spricht man von Bio-Piraterie.

Die Faszination mit Hilfe von biologischen Patentrechten Profite zu machen, verdunkelt den Blick auf die langfristigen Konsequenzen einer solchen Politik. Die biologische Ausplünderung der Dritten Welt vergrößert nicht nur die unerträgliche Kluft zwischen Arm und Reich und macht das ganze Gerede über nachhaltige Entwicklung zu einer Farce. Experten der UN schätzten schon 1995, dass der Süden jährlich durch Raub von biologischen Ressourcen 5,4 Milliarden Dollar verliert. Schlimmer für unsere Zukunft würde der Verlust der Artenvielfalt sein. Man muss nur an einen Obststand eines beliebigen Supermarktes gehen, um zu sehen, was von den 7000 Apfelsorten, die es mal gab, noch übrig geblieben ist. In den sogenannten entwickelten Ländern haben wir unseren biologischen Reichtum durch Monokulturen zerstört. Jetzt sind wir dabei, auch noch im Rest der Welt die Artenvielfalt zu zerstören. Mit Hilfe unserer Patente entmachten wir die traditionellen Gemeinschaften, die diesen Reichtum bisher entfaltet und behütet haben.

Der Motor dieser Entwicklung ist die Welthandelsorganisation (WTO), die eine Globalisierung der Patentrechte beschlossen hat. Bis zum Ende 2005 müssen alle Staaten ein national verpflichtendes Patentrecht eingeführt haben. Dabei stehen drei mögliche Modelle zur Auswahl: das amerikanische, das europäische und ein Vorlage für ein afrikanisches Patentgesetz, das die Organisation für afrikanische Einheit (OAU) ausgearbeitet hat. Der wesentliche Unterschied zwischen diesen Modellen liegt in der Patentierbarkeit von lebenden Organismen.

In der afrikanischen Modelgesetzgebung ist die Patentierung von lebenden Organismen ausgeschlossen, weil dies gegen afrikanische Kultur und Mentalität verstößt. Die über Generationen angesammelte Weisheit über die Kräfte der Natur war in Afrika entweder Allgemeingut, das der nächsten Generation weitervermittelt wurde oder Geheimwissen von Medizinmännern, die es kurz vor dem Tod einem der Söhne übergaben. Die Idee, solches Wissen zu patentieren, erscheint traditionellen Kulturen absurd.

Das afrikanische Model macht auch ernst mit der Auflage, dass Konzerne, die genetisches Material aus afrikanischen Ländern nutzen wollen, verpflichtet sind, dafür adäquate Kompensation zu leisten. Das wurde bereits 1998 in Rio de Janeiro in der Biodiversitätskonvention festgelegt. Die Praxis sieht leider anders aus. Auch dort, wo Verträge über die Ausbeutung von biologischen Material geschlossen werden, bekommt der Süden nur die Krümel vom Tisch der Konzerne. Die kanadische Organisation RAFI hat hochgerechnet, man würde bei heute üblichen Verträgen die gesamten genetischen Ressourcen des Südens für nur etwa 10 Millionen US Dollar jährlich verscherbeln. Gleichzeitig bringen die Pflanzen aus der Dritten Welt der Pharmaindustrie jährlich 30 Milliarden US-Dollar an Profiten ein. Der gleiche Trick wie schon vor 150 Jahren: Glasperlen für Gold.

Gegen diesen organisierten Ausverkauf der Dritten Welt protestieren nicht nur zahlreiche Bürgerinitiativen. Auch MissionarInnen, die die Ausbeutung und Verarmung Afrikas täglich miterleben, setzen sich dafür ein, dass Afrika nach der Ausbeutung seiner Menschen durch die Sklaverei, der Ausbeutung seiner Rohstoffe durch den Kolonialismus, jetzt nicht auch noch durch Patentgesetze seinen biologischen Reichtum verliert. Vierzig Missionsorden haben sich im Netzwerk Afrika Deutschland zusammengeschlossen. In diesem Jahr wollen sie die afrikanische Version des Patentrechts in Afrika und in Deutschland bekannt machen.

Wolfgang Schonecke

Veröffentlicht in "Die Tagespost"