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Netzwerk Afrika  > Themen  > Agrartreibstoffe

WARUM AGRARTREIBSTOFFE PROBLEMATISCH SIND

Agrosprit Logo
Vor wenigen Jahren wurden „Bio“treibstoffe euphorisch als ein Beitrag zur Lösung des Energieproblems gesehen. Die Erfahrungen der letzten Jahre macht jedoch klar, dass mit der Förderung von Agrartreibstoffe riesige soziale und ökologische Probleme entstehen. Um Treibstoffe aus Erdöl durch Agrartreibstoffe zu ersetzen, wäre mehr Landfläche nötig als tatsächlich zur Verfügung steht. Auch ist es fraglich, ob die Energiebilanz von Agrartreibstoffen überhaupt positiv ist, wenn man sämtliche Faktoren einrechnet. Ein großflächiger Anbau von Energiepflanzen in Afrika ist besonders problematisch.

"Volle Tanks – Leere Teller"

Wenn der Anbau von Energiepflanzen profitabler wird, tritt er in Konkurrenz mit der Nahrungsmittelsproduktion. Flächen, auf denen Mais, Reis oder Weizen angebaut wurden, werden zu Zuckerrohr- oder Jatrophaplantagen umgewandelt. Große Mengen Mais oder Weizen werden zu Biosprit oder Biogas verarbeitet und so dem Weltmarkt für Lebensmittel entzogen. Dadurch steigen die Nahrungsmittelpreise. Die eine Milliarde Menschen, die von nur einem Dollar am Tag lebt, kann sich nicht mehr die eine karge Mahlzeit leisten. Das Kampagnenmotto „Volle Tanks – Leere Teller“ drückt das Problem kurz und bündig aus.

Mit den Millenniumszielen hatte die Menschheit sich zum Ziel gesetzt, Hunger und Armut in der Welt bis 2015 zu halbieren. Eine Politik, die Agrartreibstoffe fördert, ohne soziale Folgen zu bedenken, macht sich schuldig am Hunger von Millionen Menschen.

Landvertreibung

Als Rechtfertigung für den Anbau von Agrarpflanzen wird oft behauptet, dass dafür „ungenutzte“ oder „untergenutze“ Flächen genutzt werden. Der Anbau von Jatropha, einer Pflanze, die auch auf kargen Böden in Dürregebieten wächst, wird damit propagiert. Obwohl das theoretisch richtig ist, so suchen In der Praxis Investoren gute Böden und Klimabedingungen, damit die Ernten und damit die Profite höher sind. „Ungenutztes“ Land gibt es eigentlich nicht. Es dient der Bevölkerung als Weideland und zur Brennholzgewinnung.

Jedesmal, wenn ein Unternehmen eine Konzession für Tausende von Hektar Land erhält, um eine Plantage anzulegen, werden Tausende von Familien von ihrem traditionellen Besitz vertrieben, fast immer ohne adäquate Kompensation. Plantagenwirtschaft erfordert nur wenige und meist schlecht bezahlte Arbeitskräfte. Die betroffenen Familien ziehen dann in die Elendsviertel der explodierenden Megastädte Afrikas. Dort finden sie selten Arbeit und driften ab in Elend oder Kriminalität. Ein gewaltsame Revolutionen und Terrorismus sind vorprogrammiert.

Unternehmen schließen manchmal mit den lokalen Bauern Abkommen über den Anbau von Energiepflanzen ab, was die Einkommen der ländlichen Bevölkerung verbessern könnte. Meistens sind die langjährigen Verträge aber so gestaltet, dass das Unternehmen die Preise für die Produkte bestimmt und gleichzeitig zur Abnahme von Dienstleistungen, wie Dünger und Pflanzenschutzmitteln verpflichtet. Dadurch tragen die Landwirte das Risiko und werden gleichzeitig völlig abhängig von den Unternehmen.

Die ländliche Bevölkerung ist leicht zu enteignen, weil viele afrikanische Regierungen die traditionellen kommunalen Landrechte nicht länger respektieren und durch moderne Landgesetzgebung ersetzen. Arme können sich eine Registrierung ihres Landes nicht leisten und können so jederzeit von einheimischen oder ausländischen Investoren enteignet werden.

Ökologische Folgen

Großflächige industrialisierte Landwirtschaft schafft ökologische Probleme.
Monokulturen auf großen Flächen zerstören die Artenvielfalt und führen langfristig zu einem Auslaugen der Böden. Nach vielen Jahren einseitiger Nutzung bleibt Ödland zurück.
Die Rodung von tropischen Wäldern, das Abholzen von Baumbeständen und die landwirtschaftliche Nutzung von Feuchtgebieten können zu Klimaveränderung und einer Verminderung des Regenfalls führen.
Kommerzielle Landwirtschaft basiert auf dem Einsatz von Kunstdünger und Pestiziden, die zu einer Verseuchung des Grundwassers beitragen. Plantagenarbeiter und angrenzende Bewohner werden Giftstoffen ausgesetzt und erleiden gesundheitliche Schäden.

Die Agrarindustrie ist dabei, genetisch veränderte Energiepflanzen zu entwickeln. Die langfristige Auswirkung von genetisch manipulierten Organismen auf andere Pflanzen ist noch ungeklärt.

Weder Konsultation noch Kompensation

Die kostbarste Ressource eines Landes, Grund und Boden, an ausländische Investoren für fast ein Jahrhundert zu verpachten oder sogar zu verkaufen, ist eine eminent wichtige Frage von nationalem Interesse. Trotzdem gibt es nur in den wenigsten Ländern darüber eine öffentliche Debatte im Parlament oder in den Medien. Verträge über die Übereignung riesiger Länderein und die Vertragsbedingungen werden geheim gehalten. Dass selbst die betroffene Bevölkerung, die seit Menschengedenken auf dem Land gelebt hat, weder konsultiert noch adäquat kompensiert wird, ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit.

Eine neue Kolonisierung Afrikas?

Investoren aus aller Welt, die nach der Finanzkrise in Land investieren wollen, leasen oder kaufen riesige Flächen in vielen afrikanischen Ländern. In vielen Fällen werden nicht einmal Pachtgebühren für die kostbare Ressource Land bezahlt. Verlierer sind die afrikanischen Kleinbauern, Gewinner internationale Unternehmen und lokale Politiker, die den Reichtum ihrer Länder verscherbeln. Nicht umsonst wird in Afrika von vielen Globalisierung als eine neue Form der Kolonialisierung angesehen.