DAS NETZWERK AFRIKA DEUTSCHLAND – Warum und wie sich MissionarInnen für globale Gerechtigkeit einsetzen Seit fünf Jahren setzt sich das "Netzwerk Afrika Deutschland" für Afrika-relevante Themen in der deutschen Öffentlichkeit ein. Manche meinen, Ordensleute und MissionarInnen sollten sich nicht mit Politik und Wirtschaft befassen. Im folgenden legt P. Wolfgang Schonecke, der Leiter des Netzwerks dar, warum heute Arbeit für Gerechtigkeit und Frieden ein wichtiger Aspekt von Mission ist. DAS NETZWERK AFRIKA DEUTSCHLAND – Warum und wie sich MissionarInnen für globale Gerechtigkeit einsetzenVor fünf Jahren schlossen sich deutsche katholische Missionsorden und geistliche Gemeinschaften im „Netzwerk Afrika Deutschland“ zusammen. Über die NAD Büros in Bonn und Berlin wollen MissionarInnen sich für die Anliegen einer globalen Gerechtigkeit und für die Probleme Afrikas in Politik und Öffentlichkeit einsetzen. Welche Theologie und welches Missionsverständnis stehen dahinter? Im April 1994 kamen zum ersten Mal in der Geschichte der Kirche Bischöfe aus allen Teilen Afrikas zu einer kontinentalen Synode in Rom zusammen. In der selben Woche begann in Ruanda der Völkermord. Kirchen, in denen Christen gerade gemeinsam Ostern gefeiert hatten, wurden Stätten des Todes. Für die afrikanische Synode und ihr Thema „Evangelisierung“ stellte dieses tragische Ereignis eine enorme Herausforderung dar. Zeigte der Genozid, der ausgerechnet in einem der katholischsten Länder Afrikas geschah, nicht überdeutlich, dass die Missionierung Afrikas ein Fiasko war? Evangelisierung Afrikas: Erfolg oder Fiasko? Das Synodendokument: „Die Kirche in Afrika“, gibt auf diese brennende Frage eine differenzierte Antwort, die man vereinfachend so formulieren könnte: Ein Jahrhundert Evangelisierung hat viele einzelne Afrikaner zum Glauben an Jesus und seine Botschaft geführt. Es ist der Kirche in Afrika jedoch noch nicht gelungen, die Kulturen und Gesellschaften Afrikas von innen her zu christianisieren. Während des Völkermords in Ruanda gab es hunderte Beispiele von heroischen Christen, die ihr Leben riskierten, um Nachbarn zu schützen. Aber die Kraft des Evangeliums hat weder die religiösen Vorstellungen noch das traditionelle Stammesdenken durchdringen können. Die Organisation von Politik und Wirtschaft in den vor- und nachkolonialen Gesellschaften Afrikas ist mit wenigen Ausnahmen von den Werten des Evangeliums und der christlichen Soziallehre fast unberührt geblieben. Aus dieser Erfahrung und mit Hilfe der Theologie des Zweiten Vatikanischen Konzils begann die afrikanische Synode die Mission der Kirche in Afrika in einem größeren Rahmen zu sehen. Die lebendige Begegnung des Einzelnen mit der Person Jesu und seinem Wort bleibt Grundlage und wesentlicher Teil der Evangelisierung. Aber eben nur ein Teil. Evangelisierung bleibt unvollständig, wenn nicht auch der kulturelle Kontext und das politische, wirtschaftliche und soziale Umfeld vom Evangelium her geprägt werden. Daher kann man von drei Aspekten der Mission reden: · Verkündigung und Begegnung mit dem lebendigen Christus in seinem Wort, · Inkulturation als Dialog zwischen Evangelium und der heute gelebten Kultur in ihrer turbulenten Mischung aus afrikanischer Tradition und westlicher Moderne, · Gerechtigkeit und Frieden: der Dialog mit den sich verändernden Kräften und Strukturen in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. Ohne einen holistischen missionarischen Ansatz, der die Person ebenso wie die Kultur, die sie prägt und die Gesellschaft, in der sie lebt, ernst nimmt, bleibt Evangelisierung ein Fragment. In den Worten der afrikanischen Synode: „Evangelisierung muss jeden einzelnen Menschen und alle Aspekte der Gesellschaft erreichen. (Ecclesia in Africa No. 57) Ein erweitertes Missionsfeld Die afrikanische Synode war für die Kirche dieses Kontinents ein Prozess, ihre eigene Mission in einen größeren Rahmen zu stellen. Eine ähnliche Entwicklung hat die Generalkapitel fast aller Missionsorden in den letzten Jahrzehnten bestimmt. Intuitiv haben Missionare gespürt, dass ihre Arbeit in der Vergangenheit zwar unendlich viel Gutes bewirkt hat, dass aber heute eine neue missionarische Herausforderung auf sie zukommt. Man könnte die Entwicklung missionarischen Denkens, überspitzt und vereinfachend, in drei Phasen mit unterschiedlichen Schwerpunkten charakterisieren: Als Europa im 16. Jahrhundert begann, den Rest der Welt für sich zu entdecken, zogen Missionare wie der heilige Franz Xaver in die weite Welt aus der Überzeugung, dass alle Menschen ohne Taufe zum Höllenfeuer verdammt waren. Primäres Ziel war, so viele Menschen wie möglich vor diesem Schicksal zu retten. Verkündigung – Bekehrung – Taufe standen im Mittelpunkt. Die Missionare des 19. Jahrhunderts drangen unter unvorstellbaren Strapazen ins Innere Afrikas vor mit dem Ziel, überall christliche Gemeinden zu gründen und die Kirche einzupflanzen. Sie haben dabei – bis auf wenige Ausnahmen – weder die Legitimität des Kolonialsystems noch die allgemeine Überzeugung der Überlegenheit der europäischen Zivilisation hinterfragt. Katholische Missionare hatten oft klare Vorgaben, sich nicht in Politik einzumischen und lehrten auch die Neuchristen, Politik als ein schmutziges Geschäft zu meiden. Diese Einengung von Mission auf individuelle Bekehrung und Gemeindegründung wurde theologisch vom Zweiten Vatikanischen Konzil aufgebrochen. Das Zentrum der Botschaft Jesu, das Reich Gottes, wurde neu entdeckt. Kirche ist Zeichen des Reiches Gottes, aber nicht identisch damit. Gottes Herrschaft will die gesamte menschliche Wirklichkeit umfassen und umformen, eben auch alle politischen, wirtschaftlichen und sozialen Beziehungen in einer globalisierten Welt. Mission heute definiert sich als ein Mitbauen am Reiche Gottes, damit Gott „alles in allem“ werde. Bekehrung des Einzelnen, Gemeindegründung und Glaubensvertiefung bleiben unabdingbare Aufgaben der christlichen Mission. Aber der Missionar will ebenso alle anderen Bereiche und Aspekte menschlicher Existenz für die Herrschaft Gottes aufschließen. In den Worten der afrikanischen Synode: „Die Verkündigung von Gerechtigkeit und Frieden ist integraler Teil der Aufgabe von Evangelisierung.“ (Ecclesia in Africa No. 107) Entwicklungsprojekte allein bringen es nichtParallel zur Erweiterung des theologischen Verständnisses von Mission lässt sich eine Veränderung im sozialen Engagement der Missionsorden in Afrika nachzeichnen. Die Option für die Armen war immer Teil des Missionsauftrags, dem Beispiel Jesu folgend, der die Armen und Ausgeschlossenen in seine Nähe holte. Jesus drückt mit seinem Leben konkret aus, was der Gott der Bibel ist: Anwalt der Witwen, Waisen und Fremden. Die Option für die Armen ist immer aktuell. Verändert hat sich jedoch die Art und Weise, an der Seite der Armen zu stehen. Die Missionare der ersten Stunden zeichneten sich aus durch Werke der Barmherzigkeit. Sie kauften Sklaven los, pflegten Kranke und legten die rudimentären Grundlagen eines Schulsystems, das gleichzeitig Träger der Katechese und einer christlichen Sozialisierung war. Die Unabhängigkeit der afrikanischen Staaten in den 60er Jahren erzeugte ein neues Selbstbewusstsein und setzte ungeheure Energien frei. Mit aller Kraft wollte Afrika den Entwicklungsrückstand zum Rest der Welt aufholen. Die Kirchen und die Missionare identifizierten sich stark mit den Idealen der jungen Staaten: Kampf gegen Armut, Krankheit und Unwissenheit. Es war die große Zeit der Entwicklungsprojekte. Mit Hilfe von Organisationen wie Misereor wurden Krankenhäuser und Schulen gebaut, die Wasserversorgung verbessert und soziale Dienste geschaffen. Verkündigung und Gemeindepastoral wurden dabei manchmal vernachlässigt. Die 80er Jahre brachten eine große Ernüchterung. Die Ausbeutung der Ressourcen Afrikas durch die Industriestaaten ging auch nach der Unabhängigkeit nahtlos weiter. Die Stellvertreterkriege im Ost-West-Konflikt und zahllose Bürgerkriege zerstörten die Entwicklungsanstrengungen von Jahrzehnten. Die ohne Rücksicht auf soziale Konsequenzen durchgeführten Strukturanpassungsprogramme des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank verarmten den langsam gewachsenen Mittelstand und machten Korruption zu einer Überlebensstrategie. Die großen Erwartungen auf wirtschaftliche Entwicklung und politische Freiheit wurden enttäuscht. Missionaren wurde immer klarer, dass Entwicklungsprojekte allein nicht die Antwort auf die wachsenden Probleme des Kontinents sein können. Um Entwicklung möglich zu machen, müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Friede und ein Minimum an politischer Stabilität sind notwendige Bedingungen für Entwicklung. Wenn der Schuldenberg so groß ist, dass mehr Geld für Zinszahlungen aus dem Land fließt als an Exporterlösen und Krediten hereinkommt, bleibt kein Geld für Bildung, Gesundheit und Infrastruktur. Wenn die Industriestaaten auf der einen Seite landwirtschaftliche Projekte mit Entwicklungsgeldern fördern und gleichzeitig durch ‚Dumping’ von subventionierten Nahrungsmitteln die afrikanischen Kleinbauern ruinieren, unterminiert solche Inkohärenz jede Entwicklungspolitik. Wenn die Regeln der Welthandelsorganisation so ausgehandelt sind, dass die reichen Länder profitieren und die ärmeren keine echte Chance haben, dann wirkt das Wort Entwicklungspolitik heuchlerisch. Die Option für die Armen ist ein Kriterium für kirchliches Handeln, auch für missionarisches Wirken. Wenn es damit ernst gemeint ist, ist ein Engagement gegen ungerechte lokale und globale Strukturen unumgänglich. Gelübde und GerechtigkeitDass Ordensleute sich durch globale Ungerechtigkeit zum Handeln aufrütteln lassen, ist eigentlich nicht verwunderlich; haben doch die Ordensgelübde eine unübersehbare soziale Dimension. Diese ist schon ablesbar an der Gemeindepraxis der Urgemeinde in Jerusalem, von Lukas modellhaft und idealisierend in der Apostelgeschichte beschrieben. Obwohl Jesus in seiner Reich-Gottes-Verkündigung kaum konkrete Regeln für eine Umsetzung in die politische und wirtschaftliche Wirklichkeit vorgibt, schafft die Urgemeinde spontan alternative Gerechtigkeitsstrukturen, die später in den Ordensgelübden weitergelebt werden. In der Gemeinschaft Jesu sollen alle Strukturen, die die Würde des Einzelnen und die Solidarität der Gemeinschaft bedrohen, gewandelt werden. Armut und RessourcennutzungDas Auseinanderreißen der Menschheitsfamilie geschieht vor allem durch eine ungerechte Verteilung der Ressourcen, die in unserer Welt immer extremere Formen annimmt und zu immer mehr Gewalt führt. Wenige akkumulieren absurden Reichtum in jeder Form und viele haben nicht das Lebensnotwendige. Das Gelübde der „Armut“, die gemeinsame Nutzung aller Ressourcen, ist in sich eine massive Kritik an diesem Ungerechtigkeitszustand. Die Erfahrung, dass bei einer gemeinsamen und maßvollen Ressourcennutzung das Leben einfacher und reicher wird, lässt Ordensleute die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich besonders schmerzlich empfinden. Die radikale Form des Ressourcenteilens im Ordensleben lässt sich nicht direkt volkswirtschaftlich umsetzen. Das sozialistische Experiment – obwohl nie wirklich praktiziert – demonstriert das zur Genüge. Aber das Grundprinzip der Urkirche und des Ordensleben: „Jedem so viel wie nötig“ (Apg 2:45) bleibt Kriterium für jede gerechte Wirtschaftsordnung. Ordensleute wollen die Solidarität, die sie für sich selbst in begrenzten Gruppen als eine Quelle von Gemeinschaft entdeckt haben, auch als Grundlage für eine globale Wirtschaftsordnung sehen, in der alle Völker und heutige und zukünftige Generationen die begrenzten Ressourcen solidarisch teilen. Ordensregeln haben also durchaus etwas zu tun mit den Regeln der Welthandelsorganisation oder der Diskussion über Steuerpolitik. Gehorsam und MachtmissbrauchEin Merkmal unserer Welt ist ein massiver Missbrauch von Macht. Wer politisch, finanziell oder militärisch mächtig ist, setzt seine Interessen ohne Rücksicht auf das Wohl der Schwächeren durch, wenn nötig mit Gewalt. Die Entwicklungsländer haben keine Stimme in den internationalen Institutionen, die Reichen treffen Entscheidungen unter sich. In der Urgemeinde geht es anders zu. Jesu Botschaft verändert die Entscheidungsprozesse. Die Apostel haben Autorität und Entscheidungsmandat und sind für die Einheit der Gemeinschaft verantwortlich. Aber Entscheidungsfindung ist nicht ein Alleingang, sondern ein Dialog (vlg. Apg 15) und ein Hören auf das, „was der Geist den Gemeinden sagt“ (Offb 2:11). Autorität und Gehorsam im Orden unterliegen dem gleichen Kriterium der Gemeinsamkeit und des aufrichtigen Suchens nach Gottes Willen. Ein krasser Unterschied zur Welt der Politik, wo es oft nur um das gnadenlose Durchboxen von Machtpositionen von Politikern, Parteien oder Interessengruppen geht und die Gegner und das Gemeinwohl auf der Strecke bleiben. Am Ende erzeugt Gewalt Gegengewalt. Wo Ordensleute Autorität und Gehorsam im Geiste Jesu leben, erfahren sie, dass es eine Alternative zu sterilen politischen Machtkämpfen gibt. Aus diesem Wissen heraus werden sie sich auf allen Ebenen für partizipatorische Entscheidungsprozesse einsetzen. Sie plädieren dafür, dass Entschuldungsverfahren für verschuldete Länder nicht nur von den Gläubigern, sondern durch „Faire und Transparente Schiedsverfahren“ geregelt werden. Sie kämpfen für eine angemessene Teilnahme der Entwicklungsländer in den Entscheidungsgremien der internationalen Finanzinstitutionen und um faire Entscheidungsprozesse in der Welthandelsorganisation. Auch im Ordensleben hat es immer wieder Machtmissbrauch gegeben. Aber Ordensregeln für Generalkapitel und andere Entscheidungsprozesse und der ihnen zu Grund liegende Geist könnten Modellcharakter haben, auch für die Politik. Ehelosigkeit und FreiheitAuf Ehe und Familie zu verzichten kann sicher nicht gesellschaftliches Modell sein, sondern ist nur für die, „die es fassen können... um des Himmelreiches willen“ (Mt 19:12). Ehrlich gelebte Ehelosigkeit kann Freiräume und große Offenheit für Gott schaffen, aber auch Handlungsfreiheit im sozialen Engagement. In Krisensituationen können Ordenleute Risiken auf sich nehmen, die bei der Verantwortung für eine Familie nicht tragbar wären. Ähnlich können und sollten Ordensleute bei einem Einsatz für Gerechtigkeit radikalere, „prophetische“ Positionen vertreten und unpopulärere Wahrheiten sagen, als das Menschen, die an Familie oder Institutionen gebunden sind, möglich ist. Gelübde und Gesellschaft Alle Versuche, eine gerechtere Welt zu schaffen, laufen Gefahr, Gedankenmodelle zu Ideologien zu verabsolutieren und aus Führungsfiguren durch Persönlichkeitskult Idole zu machen. Die Gelübde wollen in radikaler und provozierender Weise darauf hinweisen, dass alles Menschliche vorläufig und nie endgültig ist. Unsere Wahrheiten sind nur Teilwahrheiten, nur als Umrisse im Spiegelbild zu erkennen (vgl. 1 Co 13:12). Das Reich Gottes wie auch die perfekte Gesellschaft „sind nicht von dieser Welt“. Ordensleute können sich für globale Gerechtigkeit engagieren und gleichzeitig im Misserfolg gelassen sein im Wissen, dass das neue Jerusalem nicht reines Menschenwerk ist. Eines der Hauptprobleme unserer säkularisierten Gesellschaften ist die Kommerzialisierung aller Lebensbereiche und die Reduzierung gesellschaftlicher Ziele auf wirtschaftliches Wachstum. Für viele verliert das Leben seinen Sinn, die Gesellschaft kreist um sich selbst, die Politik läuft sich tot. Es scheint kein übergreifendes, gemeinsame Ziel zu geben, dem Ressourcen und wirtschaftliche Tätigkeit dienen. Ob unsere säkularisierten europäischen Demokratien, die jeden transzendenten Bezug in die Privatsphäre abdrängen, wirklich zukunftsfähig sind, scheint immer fraglicher. Politik ohne eine weitblickende Vision und ohne Ziele jenseits der Politik verliert sich in einem immer hektischeren Managen und Regulieren von Alltagsproblemen. Die reellen Freiräume des Einzelnen nehmen dabei rapide ab. Die in Ordensgelübden ausgedrückten Ideale wollen auf Werte hinweisen, ohne die auch die Gesellschaft langfristig nicht leben kann. Nicht nur der Einzelne, auch die Gesellschaft braucht zu ihrer Legitimierung und zur inneren Kohäsion ihrer Mitglieder Werte und Ideale, die über sie selbst hinausweisen. Ohne spirituelle Fundamente werden die Menschenrechte zum politischen Spielball. Ohne höhere Ideale verkommt Politik zum puren Machtpoker. Gerechtigkeit und Frieden – kein Modetrend Lange Zeit wurde das Reden über Gerechtigkeit und Frieden auch unter Missionaren für eine Modeerscheinung gehalten. In der Entwicklungspolitik gibt es ja auch immer solche Modethemen, die kommen und gehen: einmal sind es Straßenkinder, dann Genderfragen und danach Konfliktforschung. Ist „globale Gerechtigkeit“ auch eine Modeerscheinung? Die Wiederherstellung einer gerechten Ordnung ist ein Grundthema in allen Religionen. Denn Missachtung der Menschenwürde und der Menschenrechte richtet sich gegen den Schöpfer selbst, dessen Bild der Mensch ist. Wenn Ungerechtigkeit in der Welt sich in globalen Strukturen kristallisiert, wird eine Veränderung von Unrechtssystemen zum missionarischen Auftrag. Unrechtssituationen waren immer eine missionarische Herausforderung und Reaktionen darauf sehr unterschiedlich. Es gab Missionare, die den Völkermord an den Herero vor hundert Jahren gebilligt haben. Es gab Kirchen, die die Apartheid in Südafrika legitimiert haben. Es gab und gibt Bischöfe, die sich mit Regierungen, die die Menschenrechte mit Füßen treten, arrangieren. Aber es gab auch Missionare, die aktiv waren im Kampf gegen die Sklaverei, in der Abschaffung der Apartheid in Südafrika und sich für den Übergang von Diktaturen zur Demokratie eingesetzt haben, manchmal unter dem Einsatz ihres Lebens. Wie der Sklavenhandel im 19. Jahrhundert Ordensgründer, wie Kardinal Lavigerie, herausforderte, das Gewissen der Welt wachzurütteln, ist die Versklavung der Mehrzahl der Menschheit durch Hunger und Armut und die Zerstörung der Umwelt durch eine neo-liberale Wirtschaftsordnung eine missionarische Herausforderung des 21. Jahrhunderts. |