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Netzwerk Afrika  > NAD  > Spiritualität

Gelübde und Gerechtigkeit

Notizen vom Referat von P. Stefan Kiechle SJ bei der Mitgliederversammlung des

Netzwerks Afrika Deutschland am 16.11.2004 in Bonn

 

1. Leben aus der Gotteswunde und Einsatz für Gerechtigkeit

Warum sind wir im Orden? Wir wurden bewegt, berührt von Gott. Das ist nicht nur harmlos, sondern es schlägt eine Wunde und verursacht einen Schmerz. Dieser ist die Sehnsucht nach der Fülle, nach dem Reich Gottes. Daraus leben wir. Wir wollen uns mit anderen ganz einsetzen für sein Reich, für eine gerechtere Welt. Denn alle Ungerechtigkeit ist Frevel gegen Gott und gegen sein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens (so schon das AT: die Thora, die Psalmen, die Propheten).

Gott ist zornig, wütend über Ungerechtigkeit, und wir sind zornig mit ihm. Der Schrei der Notleidenden, die Empörung gegen das Unrecht ziehen sich durch die Bibel. Gott will Recht und Friede. Unrecht und Gewalt sind Wunden der Schöpfung.

•Als Christen wollen wir die Gotteswunde offen halten und nicht mit anderen Dingen zudecken; deswegen engagiert sich die Kirche gegen das Unrecht.

•Wir leiden mit den Benachteiligten, lassen uns von ihrer Not berühren, auch wenn wir selbst „reich“ sind (als Ordensleute sind wir reich! Privat zwar arm, aber kollektiv versorgt und abgesichert, daher reich).

•Christlicher Glaube ist schon immer „globalisiert“, denn wir wollen die ganze Welt „missionieren“, sie ins Reich Gottes, führen d.h. in Gerechtigkeit und Frieden, im umfassenden Sinn, der alle Dimensionen des Lebens einschließt. Umso mehr erschreckt uns, dass die derzeitige Globalisierung der Wirtschaft usw. immer mehr Ungerechtigkeit bringt!

•Der erste und älteste Global Player ist die Kirche. Daraus erwacht die Aufforderung an alle Christen, sich für Gerechtigkeit einzusetzen. Dass die Regierung Bush sich so fromm zeigt und gleichzeitig soviel Unrecht tut, ist Missbrauch der Religion.

2. Evangelische Räte und die Gotteswunde

Ev. Räte sind ein Zeichen dafür, dass wir die Leere, ja die Gotteswunde der Ungerechtigkeit aushalten und sie nicht für uns persönlich mit irdischen Befriedigungen zukleistern.

•Die offene Gotteswunde schmerzt weiter. Ev. Räte sind ein provozierendes Paradox, das nicht ganz erklärbar ist.

•Die Räte sind eine Lebensform, die freiwillige Solidarität mit den Opfern des Unrechts bezeichnet:

mit denen, die Not leiden, ausgebeutet sind (Armut); mit den sexuell Ausgebeuteten Unterdrückten, Einsamen (Keuschheit); mit den Menschen, die in (sozialer, politischer...) Unfreiheit ihr Leben nicht selbst bestimmen können (Gehorsam).

Ev. Räte sind kein Selbstzweck, sondern Ausdruck einer Sehnsucht nach Fülle, wie sie in den acht Seligkeiten ausgedrückt sind: Die Seligkeit liegt nicht in der Armut selbst, sondern darin, dass Gott die Armen reich macht.

3. Der evangelische Rat der Armut

Das Wort „Armut“ beinhaltet drei verschiedene Begriffe

•Armut als bittere Not und existentieller Mangel (verbunden mit sozialer Ausgrenzung); so der moderne soziologische Armutsbegriff und der allgemeine Sprachgebrauch. Dieser kann nicht Inhalt der Ordensgelübde sein (deswegen gibt es viele Mißverständnisse um dieses Gelübde).

•Armut als Gütergemeinschaft (vgl. Apg 2): kein persönlicher, nur gemeinschaftlicher Besitz. „Privat“ hat man wirklich nichts!

•Armut als ein bescheidener Lebensstil: Verzicht auf Luxus, aber das zum guten Leben und Arbeiten Notwendige soll man gebrauchen und genießen.

Nur der zweite und dritte Begriff ist Inhalt der Ordensgelübde.

Darüber hinaus ist die ev. Armut die innere Haltung, alles zu von Gott empfangen, in Dankbarkeit.

Armut ist Solidarität mit den Armen, Einsatz für die Armen, Teilen der Güter mit ihnen. Der Verzicht auf persönliche Güter hat große Symbolkraft.

Armut an sich ist kein Gut, denn Gott will die Fülle, die Überwindung der Armut.

4.Der evangelische Rat des Gehorsams

•Ordensgehorsam ist christologisch zu verstehen, Christus, vom Vater in die Niedrigkeit gesandt. (s. Phil 2); Krippe und Kreuz sind sichtbare Symbole dafür. Die Sendung (so wie Jesus die Jünger aussendet) muss betont werden, nicht asketische Übungen oder klösterliche Ordnung. Gehorsam heißt, als Gesandte alles von Gott Empfangene zu geben.

•Gehorsam wird in der modernen Gesellschaft, wo alle nach Selbstverwirklichung, Selbstbestimmung, Autonomie streben, am wenigsten verstanden.

•Viele leben in unserer Zeit unterdrückt, wirtschaftlich ausgebeutet, in autoritären Systemen. Im Gehorsamsgelübde leben wir mit ihnen solidarisch, aber gerade so, dass wir ihre Situation nicht in unseren Gemeinschaften reproduzieren, sondern sie zeichenhaft verändern

•Entscheidungen in Orden soll man daher nach Möglichkeit in Einheit fällen, in erwachsener Weise, d.h. mit Partizipation und Kommunikation. Leitung soll nicht infantilisieren und nicht autoritär vorangehen, sondern gute Wege weisen.

•Gehorsam heißt, gemeinsam auf Gottes Willen zu hören und sich dann aus Liebe zu den Menschen senden zu lassen!

5. Der evangelische Rat der Keuschheit

•Keuschheit ist christliche Grundhaltung, sowohl in der Ehe wie im Orden (man kann eine „ehelose“ und eine „eheliche“ Keuschheit unterscheiden). Sie meint, dass wir uns in allen Beziehungen freilassend begegnen und den anderen – das andere und auch das eigenen Geschlecht – nicht besitzen und für eigene Interessen ausnützen; sie meint, alles von Gott zu empfangen und alles Empfangene zu geben.

•In eheloser Keuschheit zu leben, ist Zeugnis der christlichen Liebe, einer Liebe, wie wir sie bei Jesus sehen. Sie ist Zeugnis und Zeichen gegen und in einer – auch sexuell – ausbeuterischen Gesellschaft.

Für unsere Zeit könnte man nun zwei weitere Räte benennen und bedenken:

5.Eine weiterer evangelischer Rat: die Communio / Gemeinschaft

•Kirche ist Gemeinschaft, eine andere Art Gemeinschaft. Der Rat der Communio hieße, brüderlich und schwesterlich zu leben, Gemeinschaft zu haben.

•Wir haben in der Vergangenheit die Räte hauptsächlich als Weg zu persönlicher Heiligung gesehen, aber unsere Beziehungen nicht angesprochen: dass wir Leben teilen, uns verzeihen, uns gegenseitig tragen, einander heilen....

•Für viele, die sich heute zum Ordensleben berufen fühlen, ist die Gemeinschaft ein wichtiges Eintrittsmotiv. Es besteht dafür ein großer Reformbedarf, der geleistet werden muss, damit unsere Beziehungen in der Gemeinschaft verstehender, verzeihender, heilender werden. Nur so können wir attraktiv für neue Ordensmitglieder sein.

7. Der Rat des Dienens und der Hingabe

•Aus dem Wort Jesus leben: „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben“.

•Die evangelischen Räte geben mehr Raum, mehr Freiheit, mehr Chance zu größerer und risikoreicher Hingabe, gerade im Kampf für Gerechtigkeit; das Lebenszeugnis der acht in El Salvador Ermordeten (6 Jesuiten und 2 Frauen) zeigt dies (heute ist der 15. Jahrestag).

•Wir haben wenig Grund zur Überheblichkeit. In Familien wird die Hingabe oft radikaler gelebt als in Ordensgemeinschaften.

8. Zwei Worte zum Abschluss

•„Die Armen verzeihen dir das Almosen, das du ihnen gibst, nur um der Liebe willen, mit der du es gibst.“ (L. de Diego SJ, Venezuela). Da die Armen ein Recht haben auf unsere Güter, ist Almosen eigentlich eine Beleidigung; die Armen müssen uns das Almosen verzeihen! Prüfen wir unsere Motive, warum wir etwas geben, etwas tun.

„Wir müssen eine affektive und effektive Solidarität leben.“ Unser Handeln, unser Einsatz als Ordensleute muss beides beinhalten: Gefühle, Liebe, Leidenschaft und geplantes und strukturiertes Handeln.

Nach Notizen v. Sr. Margret Tovar